AGUS e.V.

- für Suizidtrauernde bundesweit -

Bürgerkulturpreis 2002

Mittwoch, 4. Dezember 2002, München

Laudatio für AGUS Angehörige um Suizid e. V. Bayreuth

Anrede,

der Verein, Angehörige um Suizid e. V. Bayreuth, gehört zum großen und vielfältigen Kreis der Selbsthilfeorganisationen auf sozialem Gebiet. Erlauben Sie mir deshalb einige allgemeine Bemerkungen vorweg:

Der Sozialstaat definiert sich bedauerlicherweise -die aktuelle Diskussion um die Sicherung der sozialen Systeme beweist dies erneut - nur allzu sehr aus dem "Was und Wieviel" an gesetzlichen Sozialleistungen. Dies ist nicht nur unvollständig, es ist falsch. Der Sozialstaat beruht in viel größerem Maße auf dem persönlichen Einsatz vieler Bürgerinnen und Bürger. Das Engagement in der sozialen Selbsthilfe ist dabei ein längst unverzichtbar gewordener und erfreulicherweise immer noch wachsender Teil dieses breiten Bürgerengagements. Was kann einem Sozialstaat denn auch besseres passieren, als dass sich Bürger in einer besonderen Lebenslage zusammentun, um sich über ihr Schicksal auszutauschen, sich gegenseitig zu stützen und vor allem zu ermutigen, ihre schwierige Lebenssituation so gut es geht zu meistern. Keine noch so große professionelle Hilfe kann diese besondere Art der Unterstützung ersetzen, die aus der Gemeinsamkeit einer Betroffenheit entsteht.

Nach diesen allgemeinen Bemerkungen nun zu unserem Preisträger selbst:

Für die Auszeichnung von AGUS aus dem großen Kreis der Selbsthilfeorganisationen war für die Jury zu allererst die Besonderheit der Lebenslage bestimmend, die bei Ihnen, verehrte Frau Meixner-Wülker, im Mittelpunkt steht, nämlich die Situation um Suizid. Ich wage nicht, diese Situation im Einzelnen zu schildern. Hierzu sind Sie, verehrte Frau Meixner-Wülker, in ganz anderer Weise kompetent und auch berufen. Man kann als Nichtbetroffener nur erahnen, was ein Suizid für die Angehörigen bedeuten kann, nicht nur den Schmerz eines Todes unter ganz besonderen Umständen, sondern auch das, was im Nachhinein in einem und mit einem geschieht und was Sie so bildhaft mit der "Mauer des Schweigens" beschreiben. Es ist vor allem die Ausgrenzung, die Angehörige erleben und die sie über Jahre hinaus psychisch und sozial belasten. Es gehört viel, ja sehr viel Mut und noch mehr Kraft dazu, diese Isolation zu überwinden und die "Mauer des Schweigens" zu durchbrechen. Die Selbsthilfe der Angehörigen um Suizid entstand vor diesem Hintergrund und war gerade vor diesem Hintergrund eine Tat, die im Vergleich zu den zahlreichen Gründungen von Selbsthilfegruppen in den 80-er Jahren durchaus als außergewöhnlich, ja nahezu einmalig, bezeichnet werden kann.

Ein zweiter, fast noch gewichtigerer Grund für den Bürgerkulturpreis war die weitere Entwicklung Ihrer Initiative. Von Ihnen, verehrte Frau Meixner-Wülker, ist AGUS 1989/90 in Bayreuth gegründet worden. Selbsthilfegruppen organisieren sich nicht von selbst. Sie brauchen mutige und tatkräftige Personen, die mit Überzeugungskraft die Organisation in die Hand nehmen. Eine solche Persönlichkeit ist die Gründerin, Emmy Meixner-Wülker aus Bayreuth, in vorbildlicher Weise. Sie, verehrte Frau Meixner-Wülker, und die Mitglieder Ihrer Gruppe sind jedoch nicht stehen geblieben. Sie sind aufgebrochen, um mit ihrem Beispiel anderen Mut zu machen, sich zu einer Selbsthilfegruppe zusammenzuschließen und nicht nur nach innen zu wirken, sondern nach außen in die Gesellschaft hinein ihre Situation zu vertreten. Bayernweit sind in den letzten Jahren 10 Gruppen, bundesweit sogar 24 Gruppen aus der Bayreuther Initiative entstanden. Aus der lokalen Selbsthilfeinitiative in Bayreuth war damit längst eine Selbsthilfebewegung von und für Angehörige um Suizid geworden. Suizid war und ist damit kein Tabu-Thema mehr, was es noch bis 1990 war. Mit jeder weiteren Selbsthilfegruppe hat sich die Suizidsituation für die Angehörigen und die Öffentlichkeit mehr und mehr enttabuisiert.

Sicher waren für diese positive Entwicklung auch die gute Öffentlichkeitsarbeit, vor allem der Gründerin, und die Mitwirkung der Medien maßgebend. Aber es bleibt das große Verdienst der Betroffenen in zweifacher Hinsicht. Ich darf es abschließend nochmals hervorheben -, verehrte Frau Meixner-Wülker, Sie haben in der Gruppe und durch die Gruppe vielen Mitbetroffenen wertvolle psycho-soziale Unterstützung in schwieriger Lebenslage gegeben. Sie haben darüber hinaus eine Selbsthilfebewegung ausgelöst, die die "Mauer des Schweigens" aufgebrochen und das Suizid-Thema aus dem Tabu heraus in das öffentliche Bewusstsein gerückt hat. Herzlichen Dank!

Würzburg, 3. Dezember 2002
Dr. Peter Motsch Sozialreferat