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Laudatio

Zur Verleihung des Hans-Rost-Preises der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention - Hilfe in Lebenskrisen e. V. an

AGUS e. V. am 25. Oktober 2002 im Rahmen der DGS-Herbsttagung in Würzburg

von Prof. Dr. med. Manfred Wolfersdorf, Ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Bayreuth, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Nordring 2, 95445 Bayreuth

Sehr geehrter, lieber Herr Dr. Klaus Bayerlein, Vorsitzender von AGUS e. V., verehrte, liebe Emmy Meixner-Wülker, sehr geehrte Frau Brockmann, sehr geehrte liebe Mitglieder/innen von AGUS e. V. Bayreuth und Deutschland,

es ist mir - als Ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Bayreuth und als langjähriger Begleiter der AGUS-Initiative - eine besondere Freude und Ehre, die Laudatio zur diesjährigen Verleihung des "Hans-Rost-Preises" 2002 der DGS sprechen zu dürfen und damit zum einen meine besten Glückwünsche und Gratulation und zum anderen meine Freude, dass dieser nach Bayreuth an Sie nun gegangen ist, zu verbinden.

Lassen Sie mich zuerst ein paar Fakten in Bezug auf AGUS, dann meine Gesamtsicht und Würdigung formulieren, dabei AGUS - als Ausdruck der Selbsthilfe-Bewegung, einer in Deutschland in den letzten 15 Jahren anlaufenden Bewegung - in diesen Rahmen heute einordnen.

1. Die AGUS-Initiative ist aus kleinen Anfängen, persönlicher Betroffenheit und Erfahrung der Gründerin und ausgehend von der Region Bayreuth Ende 1989/Anfang 1990 entstanden. AGUS Bayreuth wurde 1989 gegründet als Selbsthilfegruppe, vor dem Hintergrund persönlicher Erfahrung, Betroffenheit, Stigmatisierung und Hilfsbedürftigkeit. So erinnere ich mich persönlich, 1988 beim Mitgliederabend im Rahmen der Jahrestagung der DGS in Regensburg einer sehr lebhaften, energischen und raumgreifenden Person, nämlich Frau Emmy Meixner-Wülker gegenübergesessen und den Abend in leidenschaftlichem Austausch von Erfahrungen über die amerikanische Survivor-Bewegung und über fehlende Initiativen in Deutschland verbracht zu haben. Ob damals ein Impuls meinerseits eine Rolle gespielt haben mag, bezweifle ich; Frau Emmy Meixner-Wülker verfügt von Natur aus über die Dynamik, die ihr wichtig erscheinenden Ideen durchzusetzen und hat dies für AGUS Bayreuth und AGUS e. V. Deutschland von der persönlichen Beratung im Wohnzimmer bis hin zur Gründung des gesamtdeutschen Vereines belegt. Heute ist sie in die 3. Reihe zurückgetreten, aus gesundheitlichen Gründen, und wir freuen uns, dass die damals gegründete Initiative heute nach einem schwierigen Übergangsprozess zu AGUS e. V. Deutschland von einem Vorstand, hier Herrn Dr. Klaus Bayerlein und seinen Vorstandskolleginnen und -kollegen vertreten wird.

AGUS e. V. hat landes- und bundesweite Wertschätzung, Anerkennung und öffentliche Aufmerksamkeit gewonnen und erfahren - und ich freue mich, dies als persönliche Anmerkung - dass ich diese Entwicklung von der durch persönliches Engagement gekennzeichneten Anfangssituation bis heute peripher und immer mal wieder etwas näher begleiten durfte und darf, beginnend mit der heftigen Diskussion 1988 im Rahmen der dortigen DGS-Jahrestagung. Eine weitere Folge davon war, dass wir damals in Ravensburg den Versuch machten, die Befindlichkeit von und die Folgen für Angehörige nach Suizid eines Familienmitgliedes zu untersuchen, und auch als weiteren Ansatz den Gedanken der Selbsthilfe für Betroffene weiter zu verfolgen. Danach hatte ich die Chance, in 2 Fernsehsendungen gemeinsam mit Frau Meixner-Wülker als Vertreterin von AGUS zu Suizidthemen zu reden, dann in Bayreuth im engeren Kontakt z. B. auch AGUS e. V. im politischen Rahmen zu unterstützen, ganz abgesehen davon, dass meine Klinik sowieso den Kontakt zu AGUS und ähnlichen Einrichtungen im engeren und weiteren Versorgungsumfeld pflegt.

2. AGUS e. V. Deutschland wurde 1995 gegründet, umfasst heute 24 Gruppen und ca. 320 offizielle Mitglieder, wobei die Zahl der betreuten Betroffenen um ein mehrfaches größer ist. Der Vorstand von AGUS e.V., ich darf hier nur Herrn Dr. Klaus Bayerlein, Herrn Pfarrer Lindner, Frau Ditmar und andere sind sämtlich ehrenamtlich tätig, Frau Diplom-Sozialpädagogin Brockmann, die bereits bei der DGS-Herbsttagung 2001 in Chemnitz beteiligt war und auch dieses Jahr wieder eine Arbeitsgruppe anbietet, leitet als Fachkraft sozusagen die Geschäftsstelle und wird zu einem Drittel vom Arbeitsamt Bayreuth gefördert. Nach meinem derzeitigen Kenntnisstand ist die Sicherung dieser Geschäftsstelle für die nächsten beiden Jahre gelungen, danach wird man weitersehen. Dies ist eines der Probleme, dem sich viele Selbsthilfegruppen ausgesetzt sehen. Lassen Sie mich ein paar Überlegungen anstellen, warum AGUS e. V. heute "Hans-Rost-Preisträger" geworden ist.

Die Selbsthilfebewegung hat in Deutschland im Bereich psychischer Erkrankungen, sieht man von den Anonymen Alkoholikern ab, seit ca. 15 Jahren, also gerade erst begonnen. Stigmatisierung psychischer Störungen, Ansiedlung psychisch Kranker im Grenzbereich zu willensschwach, defizitär, böse und lebensunfähig, damit auch negative Besetzung der Familienangehörigen von "Ablehnung der Angehörigen als schuld und selbst krank bis hin zu Du-kannst-froh-sein - dass .- Du -den/die - los - bist" haben lange Zeit die Entwicklung von Selbsthilfegruppierungen in Deutschland gebremst und kennzeichnen derzeit noch die eher negativ durch Abgrenzung denn durch positive Selbstdefinition geprägte Selbsthilfeszene. So gibt es zwar seit über 30 Jahren in Deutschland die "Anonymen Alkoholiker" (AA), es gibt Selbsthilfegruppen für die Angehörigen von Alkoholkranken, es gibt die "Emotional-Anonymous" (EA), der Bundesverband der Psychiatrie-Erfahrenen, ursprünglich entstanden aus dem Trialog und den Gruppen der Psychose-Erfahrenen, den Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker gibt es erste seit einigen Jahren. Erste Selbsthilfegruppen für ehemals schwer depressiv Kranke Menschen, die auf Depressionsstationen in stationärer psychiatrisch-psychotherapeutischer Behandlung waren, sind in den letzten Jahren ebenfalls entstanden; zumindest die Hälfte aller etwa 75 Depressionsstationen in Deutschland hat Kontakt mit einer derartigen Selbsthilfegruppe bzw. eine solche in ihrem Umfeld gegründet. Die im medizinisch-psychosozialen Tätigen, insbesondere im ambulanten Feld von Psychiatrie und Psychotherapie, haben in Deutschland noch keine richtige Beziehung und noch kein richtiges Handling in der gemeinsamen Zusammenarbeit entwickelt, umgekehrt sehe ich das Problem ebenfalls. Eine Reihe von Gründen gibt es hierfür, z. B. ätiopathogenetische Überlegungen auf Fachseite, die rasch mit Schuldzuweisungen verbunden sein können, Vorhalt von gegenseitig unzureichender Kompetenz, ideologisierende Positionsvertretungen, individuell "schlechte Erfahrungen miteinander", usw. Dennoch ist heute die Einbeziehung von Angehörigen auf der einen Seite und die Selbsthilfebewegung auf der anderen Seite neben dem stationären und ambulanten psychiatrisch-psychotherapeutischen Bereich nicht mehr aus der Versorgungsszene wegzudenken.

Geht man davon aus, dass auch in Deutschland wie in USA auf einen Suizid etwa 6 Betroffene kommen, verwundert, dass die in den USA seit den 70er Jahren bereits erstarkte "Survivor-Bewegung" in Deutschland erst in der 2. Hälfte der 80er Jahre angekommen ist. Sodann musste man auch in Deutschland die Erfahrung erst machen, dass Trauergruppen nicht mit Selbsthilfegruppen für die Hinterbliebenen von durch Suizid Verstorbenen gleichzusetzen sind; diese Form der Trauer weist besondere Aspekte auf, die an dieser Stelle nicht spezifisch beschrieben werden müssen, da längst allseits bekannt.

Der DGS-Vorstand hat sich nach meiner Erinnerung erstmals Anfang der 90er Jahre intensiver mit dem Thema der Hinterbliebenen von durch Suizid verstorbenen Menschen beschäftigt, angeregt durch AGUS Bayreuth, durch die Initiativen der Arbeitskreise Leben in Baden-Württemberg oder auch der Aktivitäten von "Die Arche", München, von "Verwaiste Eltern e. V." oder auch "Weil e. V.", Graz, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Zwischenzeitlich ist AGUS e. V. deutschlandweit aktiv, die AKL in Baden-Württemberg haben ebenfalls die Thematik weitergeführt, und auch andere Gruppierungen sprechen die "Survivor"-Angehörigen an. Asmus Finzen, der vor einem Jahr 2001 in Chemnitz den "Hans-Rost-Preis" erhalten hat, hat im November 2001 ein Themenheft der Fachzeitschrift "Psychiatrische Praxis" herausgegeben, das gerade die "Nachsorge" zum Thema macht und das deswegen allen nur empfohlen werden kann. Hier eine kurze Nebenbemerkung: Interessanterweise ist das Thema "Hinterbliebene nach Suizid" meist nur im Bezug auf die Angehörigen diskutiert worden; dass auch beim Suizid eines z. B. schwer depressiv kranken Menschen Ärztliche und Psychologische Psychotherapeuten/innen, Krankenpflegepersonal und andere im engeren Sinne Betroffene sind, wurde bisher aus Blickrichtung der Selbsthilfebewegung für Hinterbliebene nach Suizid nicht aufgegriffen, ist andererseits aber ein Thema der Patientensuizidforschung und des Umganges mit dem Suizid eines Patienten unter stationären psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlungsbedingungen, wie er z. B. von der Arbeitsgemeinschaft "Suizidalität und Psychiatrisches Krankenhaus" diskutiert wird.

3. Versucht man nun eine abschließende Würdigung der Verdienste von AGUS e. V., wie sich AGUS nun heute abbildet, lässt sich besonders hervorheben:

1) Die AGUS-Initiative, ausgehend von den Aktivitäten ihrer Gründerin Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre war ein Zündfunke, unabhängig von bereits parallel anlaufenden Initiativen, für die Selbsthilfebewegung, für die "Survivor".

2) Dies hat zur lnitiierung weiterer Aktivitäten im Selbsthilfebereich für vom Suizid eines Familienangehörigen betroffenen Menschen geführt.

3) Es hat die Not und auch die Unterstützungsbedürftigkeit der betroffenen Angehörigen deutlich gemacht und damit auch primär- evtl. auch sekundär präventive Bedeutung erlangt. Wir wissen ja um die krankheitsbedingende und -auslösende Wirkung derartiger traumatisierender Ereignisse und nicht selten finden wir auch im Vorfeld psychosomatischer Dekompensationen oder posttraumatischer Belastungsstörungen Suizidereignisse.

4) Es ist der Gründerin Frau Emmy Meixner-Wülker, aber auch ihren Nachfolger/innen in der Leitung von AGUS Bayreuth bzw. AGUS e. V. Deutschland gelungen, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit immer wieder auf dieses Thema zu lenken und die Öffentlichkeit zu einer Auseinandersetzung mit dieser Thematik zu veranlassen. Dies führte nicht zuletzt auch zur Verleihung unterschiedlicher Preise und auch heute des "Hans-Rost-Preises" an AGUS e. V..

5) Die AGUS-Initiative förderte von Anfang an eine verstärkte Beschäftigung mit Betroffenen, ähnlich wie sonst in der Psychose- und Depressions-Erfahrenen-Szene in den letzten Jahren durch Initiativen wie Depressionsstationen oder Psychoseseminare oder dem Trialog auch andernorts geschehen ist.

Dafür sei AGUS e. V., ihrer Gründerin und den Vorstandsmitgliedern herzlich gedankt. Die Gründerin von AGUS Bayreuth ist vielerorts geehrt worden, heute gilt die Ehrung durch die Verleihung der "Hans-Rost-Preises" der Idee, die hinter AGUS e. V. steht und der gesamtdeutschen Umsetzung, wie er vom Vorstand, hier vertreten durch Herrn Dr. Klaus Bayerlein, Herrn Pfarrer Lindner, Frau Ditmar und auch Frau Brockmann, stellvertretend für den Vorstand und seine Mitglieder in den letzten Jahren. AGUS e. V. gehört der Verdienst auf Not und Bedürftigkeit, die Notwendigkeit psychotherapeutisch-psychoedukativer Betreuung und auch die Bedeutung der Selbsthilfe für Hinterbliebene nach Suizid eines Angehörigen aufmerksam gemacht zu haben.

Der "Hans-Rost-Preis" der DGS wird für besondere Verdienst im wissenschaftlichen und/oder im versorgungspolitisch-öffentlichkeitsrelevanten Bereich von Suizidologie und Suizidprävention verliehen. AGUS e. V. hat sich im versorgungspolitischen Bereich der Selbsthilfe-Initiativen besondere Verdienste und unsere Anerkennung erworben. Dafür gilt unser herzlicher Dank und die heutige Verleihung des "Hans-Rost-Preises".

gez. Prof. Dr. med. Manfred Wolfersdorf
Würzburg, 25. Oktober 2002