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Hans-Rost-Preis 2002

Laudatio für AGUS e.V. - Angehörige um Suizid

Würzburg, den 25.10.2002

von Werner Felber

Gefühle von Schuld, Schande, Aggression und Sünde, qualvoll verlängerte Trauer, komplexe bewusste und unbewusste Prozesse in der Interaktion der posthumen Botschaft des Suizidenten und der Hinterbliebenen haben dazu geführt, den Suizid zu einem "Unglücksfall" zu machen. Es wurde dadurch ein tabuisierter Familienmythos aufgebaut, den zu durchbrechen nur sehr schwer gelingt. Wirtschaftliche Gesichtspunkte dadurch, dass viele Lebensversicherungen nach einem Suizid ihre Leistung verweigern, kann gar noch zu existentieller Not führen. Dies ist das Feld, auf dem die große Zahl der Angehörigen verbleiben, wenn ihnen keine Hilfe angeboten wird. Es sind ca. 3 - 8 mal so viel Betroffene, als es Suizide gibt. Eingebunden in eine internationale Entwicklung hat sich in Deutschland dazu etwas entwickelt, was jetzt Anlass gibt, hoch geehrt zu werden.

1989 wurde in Bayreuth AGUS - Angehörige um Suizid gegründet mit dem Ziel, Hilfe für Hinterbliebene nach einem Suizid eines Angehörigen anzubieten. Mit der Gründung von AGUS ist untrennbar der Name der Gründern, Frau Emmy Meixner-Wülker, verbunden. Aus persönlichem Schicksal heraus hat sie die innere Kraft geschöpft, diese Bewegung in Gang zu setzen, sie öffentlichkeitswirksam zu einer erstaunlichen Größe zu entfalten und dies über ca. 10 Jahre zu halten. Sie lenkte die Aufmerksamkeit der Bevölkerung, der wissenschaftlich und praktisch Tätigen sowie der sozial- und gesundheitspolitischen Szene auf die Problematik der Angehörigen nach Suizid, der Survivors - "gegen die Mauer des Schweigens" wie es Frau Meixner-Wülker in ihrer Broschüre von 1999 formuliert hat. Durch zahlreiche Presseberichte (ca. 70), Rundfunk- (ca. 20) und Fernsehsendungen (ca. 30) ist AGUS bundesweit bekannt geworden, die Kerngruppe in Bayreuth hat Regionalgruppen in Nürnberg, München, Köln, Hamburg, Frankfurt/M., Berlin, Duisburg u.a. Städten hervorgebracht, mindest 20 weitere sind in Planung oder Vorbereitung. AGUS hat sich zu einer bundesweiten Institution entfaltet.

Inzwischen ist daraus die AGUS-Initiative geworden. Dadurch wurde auch eine Reihe anderer Einrichtungen in Deutschland angeregt, ähnliche Angebote zu entwickeln und bereit zu halten. Es ist neben der konkreten Gruppenarbeit und Selbsthilfe auch ein wichtiges Verdienst von AGUS, Impulse für das Selbsthilfepotential ganz allgemein in Deutschland gegeben zu haben.

Bekanntermaßen können bei Hinterbliebenen nach Suizid vier Gefühlstönungen genannt werden, unter denen sie zu leiden haben oder die Anlass zu psychischen Erkrankungen geben, in deren Folge wiederum Suizidgefährdung wächst:

Besonders häufig treten Schuldgefühle auf; Hinterbliebene fühlen sich mitverantwortlich und haben das Gefühl, etwas versäumt oder unterlassen zu haben, sie glauben, daß der Suizid durch mehr Zuwendung hätte verhindert werden können. Zorn- und Wutgefühle werden mit der Frage zum Ausdruck gebracht: "Warum hat er mir das angetan?" Bei hinterbliebenen Angehörigen tritt auch Angst vor eigenen selbstzerstörerischen Impulsen auf, manche scheinen tatsächlich ein ähnliches schicksalhaftes Ende zu befürchten, ganz besonders, wenn sich mehrere Suizide in der Verwandtschaft ereignet haben. Kommen mehrere Bedingungen nach dem Suizidereignis zusammen, sind damit Kompensationsmechanismen erschöpft, vor allem deren Verarbeitung in Richtung einer verlorenen Sinnhaftigkeit; es kann sich ein depressives Zustandsbild entwickeln.

Häufige Themen in Gesprächen zu dieser Problematik sind (nach Battle 1984):

  • Der Angehörige, der sich das Leben nimmt, zwingt die Hinterbliebenen in die gleiche Problematik, - in die Hilflosigkeit.
  • Der Suizid bedeutete: "Ich bin lieber tot, als daß ich versuchen wollte, mein Problem mit dir oder mit deiner Hilfe durchzuarbeiten."
  • Der Suizidant signalisierte auch: "Ich brauche die Liebe anderer nicht mehr, deshalb weise ich dich zurück."
  • Der Hinterbliebene glaubt: "Ich blieb tatenlos, während der Mensch, den ich liebte, der Vernichtung ins Auge schaute und schließlich unterging."
  • Hinterbliebene haben eine Art zwingenden Beweis, daß der Suizident jegliche Identifizierung mit ihnen abgelehnt hat, was für sie bedeutet, daß er ihnen vielleicht niemals nahegestanden war.

Unbewußte Mechanismen hat Federn (1929) in Ergänzung zu hinlänglich bekannten psychoanalytischen Deutungen so (über-)interpretiert: "Wenn es allgemein gilt, daß nur der sich mordet, der einen anderen zu töten wünscht, so muß man hinzufügen, daß - (in der Regel) - nur der sich mordet, den ein anderer tot wünscht." Entsprechend verheerend können die seelischen Auswirkungen sein, wenn durch den suizidalen Akt ein offensichtlicher Racheakt symbolisiert wurde, partielle Mitschuld hineinragt oder die Botschaften zweideutig sind (z.B. politische Suizide, Opfersuizide, symbolische Suizide).

Dem Umgang mit diesen Gefühlen, Deutungen und Mythen und deren Verarbeitung widmet sich AGUS durch Hebung von Selbsthilfepotentialen. Diese schwere Aufgabe wird mit der heutigen Verleihung des Hans-Rost-Preises geehrt. Er soll auch der weiteren Stabilität und Erhaltung dieser wichtigen Bewegung dienen.