AGUS e.V.

- für Suizidtrauernde bundesweit -

Laudatio

Forchheim, 11. Juli 1997

Prof. Dr. med. Manfred Wolfersdorf

L a u d a t i o zur Verleihung des Preises der Oberfrankenstiftung an Frau Meixner-Wülker am 11. Juli 1997 in Forchheim

Sehr geehrter Herr Regierungspräsident, verehrter Herr Bezirkstagspräsident, verehrte, liebe Frau Meixner-Wülker, sehr geehrte Gäste aus Politik, Kultur und Wissenschaft, sehr geehrte Anwesende, lassen Sie mich meine Laudatio zur Verleihung des Sozialpreises der Oberfranken-Stiftung heute an Frau Emilie Meixner-Wülker, an AGUS, an die AGUS-Bewegung, die von Bayreuth ausging, mit einigen nüchternen Zahlen beginnen.

Im Jahre 1995 betrug die Gesamtzahl der Suizidtoden in der Bundesrepublik 12.898 Personen, 9.222 Männer und 3.666 Frauen. Die Suizidrate (als Zahl der Suizide bezogen auf 100.000 Einwohner) beträgt in Deutschland 1995 für die Männer 23,2 und für die Frauen 8,7. Die Suizidmortalität liegt um etwa ein Drittel höher als die Kfz-Mortalität.

Berechnet man das Lebenszeitrisiko eines Menschen in der Bundesrepublik, an Suizid zu versterben, so nimmt sich zur Zeit in den alten Bundesländern pro Jahr etwa jeder 7.te Mann und jede 16.ste Frau, bei Zugrundelegung der mittleren Lebenserwartung, selbst das Leben. Suizide bei Kindern sind sehr selten, bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen waren und sind sie nach Unfällen und Verkehrstoden jedoch immer noch die häufigste Todesursache (bei den 15- bis 24-jährigen versterben bis zu 16 Prozent der Verstorbenen durch Suizid). Der Anteil alter Menschen an den Suiziden ist insgesamt in den letzten Jahren überproportional erhöht und derzeit bei den Frauen zunehmend noch deutlicher als bei den Männern, wenngleich das Suizidproblem im höheren Lebensalter weltweit als ein eher männliches Problem gilt.

Als Risikogruppen - Populationen mit einer deutlich erhöhten Gefahr des Versterbens durch Suizid im Laufe des Lebens -gelten international an erster Stelle depressiv kranke Menschen, gefolgt von suchtkranken Menschen, hier Alkoholkranken sowie Medikamenten- und Drogenabhängigen (die Suizidgefährdung Rauschmittelabhängiger wird insgesamt bis 50mal höher als die der Durchschnittsbevölkerung eingeschätzt), als weitere Risikogruppen gelten alte und vereinsamte Menschen, wobei das Risiko mit dem Alter vor allem für Männer zunimmt. Sodann weisen ein deutlich erhöhtes Suizidrisiko auf, Personen mit Suizidankündigungen und solche, die schon einmal einen Suizidversuch unternommen haben (Menschen mit Suizidversuchen in der Vorgeschichte versterben zu 7 - -22 Prozent an einem zweiten Suizidversuch im Laufe ihres Lebens). Als weitere Risikogruppe gelten Patienten mit Schizophrenieerkrankungen und hier insbesondere jüngere schizophrene Patienten.

Der Suizid ist in Deutschland heute noch immer tabuisiert, gilt häufig eher als negatives Verhalten eines schwachen Menschen, der mit seinen Lebensproblemen nicht mehr zurechtkommt. Die Selbsttötung wird häufig immer noch mit den längst als falsch und entwertend erkannten Begriffen "Selbstmord" oder auch "Freitod" bezeichnet.

In vielen Ländern Europas gibt es bereits nationale Präventionsprogramme und wird Suizidprävention als gesellschaftspolitische Aufgabe begriffen, In Deutschland gibt es kein länderübergreifendes Versorgungskonzept für Menschen in suizidalen Krisen, als einzige überregionale primär- und sekundärpräventive Aktivität lassen sich allenfalls die Telefonseelsorgeinrichtungen ansehen. In verschiedenen Ländern bzw. Regionen Deutschlands gibt es einzelne Einrichtungen der primären und sekundären Suizidprophylaxe, die überwiegend eine Kombination aus Fach- und Laienhilfe darstellen. Hier ist zu denken an die Arbeitskreise Leben in Baden-Württemberg, an Neuhland in Berlin, an die Beratungsstelle für Suizidgefährdete in Dresden, an "Die Arche" als Beratungsstelle für Suizidgefährdete in München, usw. . Erstmals ist es uns, und hier spreche ich für die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention, gelungen, ein Kapitel "Suizid" in der "Gesundheitsberichterstattung" der Bundesrepublik Deutschland zu beschreiben.

Lassen Sie mich, vor dem Hintergrund des eben gezeichneten Rahmens, nun auf Frau Meixner-Wülker, von AGUS, die von ihr initiierte "AGUS-Initiative" eingehen.

Der Suizid eines Menschen ist eine psychiatrisch-psychotherapeutische Herausforderung: Wie können wir suizidgefährdete Menschen mit psychischen Krankheiten, in psychosozialen Notsituationen besser erkennen, ihnen besser helfen, besser Suizide verhüten? Der Suizid ist eine soziale Herausforderung, eine Herausforderung an die Gesellschaft: Wie gehen wir mit Menschen in schwierigen sozialen Situationen um? Denken Sie an chronische Arbeitslosigkeit, an die Verelendung von suchtkranken Menschen, an die Vereinsamung des alten Menschen (alt, krank, einsam, arm darf man nicht sein, auch nicht in Deutschland)! Der Suizid ist eine Herausforderung an den Menschen, an seine Fähigkeit, Beziehungen herzustellen, an seine Bereitschaft, Beziehungen einzugehen: Wie verständnisvoll, hilfreich, förderlich sind wir füreinander? Wo gehen wir hin, wenn wir Hilfe brauchen? usw. .

Wir als Psychiater und Psychotherapeuten haben den Menschen in suizidaler Gefährdung und die Verhütung suizidalen Handelns und Versterbens im Auge, wir versuchen zu erkennen, zu verhüten. Dabei kommen wir oft an unsere Grenzen. Die Gesellschaft ist unter anderem interessiert an den Kosten suizidaler Handlungen, die sich nach unterschiedlichen Studien, z.B. Untersuchung der Behandlungswege auf mindestens 57 Mill. DM direkter Kosten pro Jahr belaufen können (eine italienische Studie von Meneghel et al. 1995). Hinzu kommen die indirekten Kosten eines Suizides als Kosten für verlorene Lebensjahre (Einkommen, Steuer, Rentenzahlung). Ich selbst habe gemeinsam mit einem Ökonomen vor kurzem berechnet1 daß eine Verminderung der Suizidmortalität von depressiv kranken Menschen in den nächsten 10 Jahren zu Einsparungen führen könnte, die in Höhe von Milliardenbeträgen anzusiedeln wären (Wolfersdorf und Martinez 1997).

Frau Meixner-Wülker ging einen anderen Weg. Sie fragte, vor dem Hintergrund persönlicher Betroffenheit in der eigenen Lebensgeschichte, nach dem Leid der anderen, der Mit Betroffenen, der "Hinterbliebenen", der "Überlebenden", die nach dem Suizidtod eines Angehörigen, eines Partners, eines Familienmitgliedes, eines Freundes zurückbleiben (die Amerikaner nennen diese Menschen "Survivor" und wollen damit aussagen, daß der Suizid eines Menschen immer eine gemeinsame Katastrophe im Leben ist und daß man diesen Überlebenden beistehen muß, damit sie ihr Leben im wahrsten Sinne des Wortes "in die Hand nehmen" können), Die Survivor-Bewegung ist eine klassische Selbsthilfebewegung, die es in USA seit über 20 Jahren gibt; ich selbst hatte während meiner Tätigkeit in Los Angeles am dortigen Institut für selbstzerstörerisches Verhalten Gelegenheit, derartige Gruppen kennenzulernen, und ich habe in einer eigenen Arbeit zu den Hinterbliebenen Mitte der 80er Jahre darüber geklagt, daß in Deutschland diese Thematik so wenig betrachtet wird.

Mit der AGUS-Initiative (AGUS heißt "Angehörige um Suizid"), von Frau Meixner-Wülker in Bayreuth ins Leben gerufen, wurde die Aufmerksamkeit der Bevölkerung, die Aufmerksamkeit auch der im Bereich der Suizidprävention Tätigen, die Aufmerksamkeit vielleicht auch der gesundheitspolitischen und der politischen Szene überhaupt auf diese Problematik gelenkt. Frau Meixner-Wülker hat in der ihr eigenen persönlichen Weise, mit ihrer persönlichen Engagiertheit und Dynamik die Aufmerksamkeit darauf gelenkt, sich um Menschen, die andere durch Suizid verloren haben, zu kümmern.

Aus kleinen Anfängen, aus dieser eigenen Betroffenheit der Gründerin von AGUS und ausgehend von der Region Bayreuth, ist die AGUS-Initiative bundesweit gewachsen, Diese Initiative begann vor etwa 6 Jahren, wobei ich mich an Gespräche zu dieser Thematik mit Frau Meixner-Wülker bereits Mitte der 80er Jahre gut erinnern kann, Ziel war, durch ein Zusammenführen von Gleichbetroffenen in Gesprächsgruppen die Betroffenheit nach einem vollendetem Suizid, die Gefahr der eigenen psychosomatischen und psychischen Schädigung, die Notwendigkeit eines Auffangens, einer gegenseitigen Hilfe im Sinne der gegenseitigen verständnisvollen Unterstützung zu verdeutlichen. Zwischenzeitlich ist ja bekannt, daß die durch den Suizid eines Angehörigen betroffenen Menschen selbst ein erhöhtes Risiko aufweisend suizidgefährdet zu werden, und selbst psychosomatisch, psychisch zu erkranken, da es sich beim Suizidtod eben nicht um einen normalen Tod handelt, sondern um einen Tod, der neben Trauer auch Schuldgefühle, Aggression, Irritiertheit bis hin in die psychosomatische Gestörtheit hinterläßt. Normale Trauergruppen und normale Trauerarbeit genügen hier meistens nicht.

Durch ihre mit Vehemenz in die Öffentlichkeit getragene Initiative, mit Veröffentlichungen in Zeitungen, bis hin zu Teilnahme in Talk-Shows, hat Frau Meixner-Wülker bis an die Grenze der eigenen Belastbarkeit Frontarbeit geleistet und die derzeit zehn existierenden AGUS-Gruppen und die weiteren sechzehn in Deutschland in Planung befindlichen Gruppen initiiert. Daß dadurch auch an einer Reihe anderer Einrichtungen diese "Hinterbliebenen-Problematik" aufgegriffen, Arbeit mit diesen Menschen als dringend erforderlich und notwendig erkannt und begriffen wurde, ist ebenfalls Verdienst der von Frau Meixner-Wülker ausgehenden AGUS-Initiative.

Ich selbst habe mich der AGUS-Initiative und auch der Person Frau Emmy Meixner-Wülker immer zugewandt gefühlt und die Bewegung gesamthaft unterstützt, wo es in meinen Möglichkeiten lag. Es sei nicht verhehlt, daß sich jetzt die AGUS-Initiative in einem Stadium befindet, wo sie über das persönliche individuelle Engagement weniger Personen hinaus auch der formalen und der materiellen Unterstützung im gesundheitspolitischen Rahmen bedarf. Vielleicht läßt sich durch die neuen Möglichkeiten, Selbsthilfeorganisationen und -aktivitäten, die der Gesundheitsfürsorge dienen und die auch von Krankenkassen unterstützt werden können, die AGUS-Bewegung für die nächste Zukunft materiell stabilisieren.

Die von Frau Meixner-Wülker ausgehende Grundidee, daß betroffene Menschen, die einen Partner, ein Familienmitglied durch Suizid verloren haben, der speziellen Unterstützung bedürfen, wird, so meine persönliche Überzeugung, weitergehen. Daß hierfür enormer Bedarf ist, mag Ihnen der Hinweis zeigen, daß ich selbst in der vergangenen Woche von zwei Menschen, einer jüngeren und einer mittelalten Frau angerufen worden bin, die in eigener, nun entstandener seelischer Not durch den Suizid eines Angehörigen bzw. Partners Hilfe suchten und die ich an entsprechende Selbsthilfegruppen vermitteln konnte.

Ich komme zum Schluß:
Es ist das Verdienst von Frau Meixner-Wülker, vor dem Hintergrund der Einsicht in die Notwendigkeit und Not der Betroffenen, vor dem Hintergrund eigener persönlicher Erfahrung und im Kontext der auch in Deutschland zunehmend erstarkenden Selbsthilfebewegungen, diese Thematik zur eigenen gemacht, mit der ihr eigenen Dynamik die AGUS-Initiative in Bewegung gebracht und damit Aufmerksamkeit auf eine Gruppe von Menschen gelenkt zu haben, die vermehrt unserer Aufmerksamkeit und Unterstützung bedürfen. Hierfür gebührt Frau Emmy Meixner-Wülker unser aller Dank und unser aller Wertschätzung, Aufgrund meiner seit langen Jahren persönlichen Kenntnis von Frau Meixner-Wülker sowie der AGUS-Initiative Bayreuth freut es mich ganz besonders, daß der Sozialpreis der Oberfranken-Stiftung dieses Jahr an Frau Meixner-Wülker geht.
Hierzu herzlichen Glückwunsch

gez. Prof. Dr. med. Manfred Wolfersdorf
Ärztlicher Direktor des Nervenkrankenhaus Bayreuth, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention