AGUS e.V.

- für Suizidtrauernde bundesweit -

Laudatio

Frau Emmy Meixner-Wülker
Bayreuth

Aushändigung des Verdienstkreuzes am Bande des
Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland

Sehr geehrte Frau Meixner-Wülker,

es war 1996, dass Sie sich, bis dahin des Malens unkundig, Farben kauften, zum Pinsel griffen und begannen, Ihre leidvollen Erfahrungen und Empfindungen - wenngleich diese viele Jahre zurücklagen - in Bildern auszudrücken. "Vom Leid zum Sinn" war Ihre Bilderfolge betitelt, die Sie im Herbst 1999 in Bayreuths evangelischer Stadtkirche in eine Ausstellung des Vereins AGUS einbezogen hatten.

Diese sich nicht allen hier anwesenden Gästen erschließende Einleitung habe ich gewählt, weil ich glaube, Sie, verehrte Frau Meixner-Wülker, damit treffend als die Urheberin und "geistige Mutter" einer 1990 in Bayreuth von Ihnen geschaffenen Einrichtung vorstellen und charakterisieren zu können, die bald von weither Zuspruch und bundesweite Bedeutung erlangen sollte: Ich spreche von

AGUS (Angehörige um Suizid),

von Ihnen zunächst als Selbsthilfegruppe gegründet, seit August 1995 ein eingetragener Verein.

Was veranlasst einen Menschen, was bringt ihn zu einer solch außergewöhnlichen Idee?, könnte man fragen. Ein Blick auf einzelne Ihrer Lebensstationen gibt Antwort.

Als junges Mädchen hatte Sie, Frau Meixner-Wülker, in dem Taunusstädtchen der "Freitod" einer Mitbürgerin, einer - wie es damals hieß: "arischen" Frau - tief bewegt; sie hatte die Zwangsscheidung von ihrem Mann, einem jüdischen Kaufmann, nicht ertragen. Im demokratisch geprägten Elternhaus hatten Sie dann erleben müssen, dass Ihr Vater Opfer des Nationalsozialismus wurde: Wegen Wehrkraftzersetzung und Führerbeleidigung zu Zuchthaus verurteilt, starb er an den Folgen der Haft. Zu einem weiteren prägenden Schicksalsschlag wurde Ihnen 1963 - Sie waren junge Mutter eines 9-jährigen Sohnes und einer 5-jährigen Tochter - der Suizid Ihres ersten Ehemannes, eines in einem mittelfränkischen Städtchen wirkenden HNO-Arztes.

In Ihrer tiefen Betroffenheit widmeten Sie sich zuerst jahrelang der Mitarbeit in der allgemeinen Telefonseelsorge. In der Folge nahmen Sie sich in rasch und stetig zunehmendem Umfang der Angehörigen von Suizidenten am Telefon an und traten 1983 der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention bei. Nach jahrelanger Vorarbeit gründeten Sie dann 1990 in Bayreuth die Selbsthilfegruppe AGUS. Bald darauf gingen Sie damit in die Öffentlichkeit.

Entgegen einer Reihe anderer europäischer Länder gab es in Deutschland, mit Ausnahme der Telefonseelsorge, kein länderübergreifendes Konzept für suizidale Krisen, allenfalls - regional begrenzt - einzelne Einrichtungen, die sich mit der Suizidprophylaxe befassten. Mit dem Hintergrund Ihres eigenen Betroffenseins gingen Sie, Frau Meixner-Wülker, hier einen anderen Weg: Ihr Ansatzpunkt war, nach dem Leid der Mit-Betroffenen zu fragen, das Bestreben, den "Hinterbliebenen", den "Überlebenden" (wegen dieses Begriffs verweise ich auf die in den USA seit mehr als 20 Jahren bestehende "Survivor"-Bewegung) nach dem Suizidtod eines Angehörigen, Partners oder Freundes beizustehen.

Mit Ihrer AGUS-Initiative haben Sie die Aufmerksamkeit der Bevölkerung, aber auch der in der Suizidprävention Tätigen und darüber hinaus etlicher Persönlichkeiten, die mit Gesundheitspolitik befasst sind, auf den zuvor eher verdrängten Problemkreis gelenkt. Viel Mühe und Kleinarbeit erforderten der Aufbau einer umfangreichen Datei und die individuelle Einzelbetreuung. Durch bundesweite Pressedarstellungen und Auftritte, u.a. 1993 in der Talkshow "Schreinemakers", verstanden Sie es, mit der Ihnen eigenen persönlichen Dynamik und Engagiertheit AGUS und deren Wirken einer immer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Als erste Vorsitzende des aus der Selbsthilfeeinrichtung im August 1995 hervorgegangen eingetragenen Vereins AGUS (Angehörige um Suizid) konnten Sie bereits in der 1996 gehaltenen ersten Jahreshauptversammlung die erfreuliche Bilanz ziehen, dass dem Verein knapp 100 Mitglieder angehörten, schon 450 Betroffene beraten und betreut wurden, außerhalb Bayreuths bereits 10 Gruppen gegründet worden waren (u.a. in Bremen, Frankfurt a. Main, Hamburg, Köln, München) und weitere 16 sich in Planung befanden (davon wiederum etliche in weiteren deutschen Großstädten). Im Jahre 2000 umfasste der inzwischen als gemeinnützig anerkannte Verein 215 Mitglieder - zu mehr als 1 .200 Betroffenen bestanden Kontakte.

Ihrer herausragenden Initiative, Ihrem engagierten Einsatz, sehr verehrte Frau Meixner-Wülker, der Ihnen unendlich viele Freizeitstunden, zu Beginn auch finanziellen Aufwand abverlangte, ist es zu verdanken, dass in unserer Gesellschaft das Tabu um den Suizid aufgebrochen worden ist. Den Hinterbliebenen, die mit ihrer seelischen, oft auch materiellen Not häufig allein dastehen, Beistand in einer ihnen neuen, schwierigen Lebenssituation anzubieten, sie in Gruppentreffs ebenfalls Betroffener "aufzufangen", ihnen dadurch gegenseitige verständnisvolle Unterstützung zu ermöglichen - dies sind die wichtigsten Ansatzpunkte von AGUS.

"Suizid darf kein Tabuthema mehr sein", so titelte der Bayreuther "Nordbayerische Kurier" am 28.09.2001 in einem Bericht über die Vermittlung von zwei ABM-Mitarbeiterinnen durch das Arbeitsamt, die notwendig geworden war, weil sich die Betreuung als nicht länger ehrenamtlich "machbar" erwiesen hatte. Aus diesem Bericht entnehme ich einige Zahlen, die für die Notwendigkeit von AGUS eine deutliche Sprache sprechen:

Bundesweit gibt es jährlich etwa 12.000 Suizidfälle; Angehörige und Umfeld ergeben ca. 200.000 Betroffene, und dies Jahr für Jahr!

"AGUS - Das Erfolgsmodell aus der Provinz", dies war das Thema Ihres Vortrages in der Jahresversammlung des Vereins im November 2000. Kurz davor hatten Sie aus gesundheitlichen Gründen den Vorsitz abgegeben. Als Ehrenvorsitzende wirken Sie freilich nach wie vor an der Verfolgung der Ziele von AGUS e.V. tatkräftig mit.

Sehr geehrte Frau Meixner-Wülker,

ich kenne Sie nun bereits eine Weile und weiß um Ihre Verdienste. Hätten Sie AGUS nicht schon "erfunden", dann müsste diese Einrichtung ohne Zögern noch heute gegründet werden!

In Anerkennung Ihrer großen Verdienste in einem vor der Umsetzung Ihrer Ideen stiefmütterlich behandelten sozialen Bereich hat die damalige Bayerische Staatsministerin für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Gesundheit, Frau Barbara Stamm, Sie am 16.11.1999 in Würzburg mit der Bayerischen Staatsmedaille für soziale Verdienste ausgezeichnet. Zuvor, 1997, war Ihr Lebenswerk, der Verein AGUS, mit dem Sozialpreis der Oberfrankenstiftung bedacht worden. Am 19. November 2001 hat Ihnen nun - auf Vorschlag von Herrn Ministerpräsidenten Dr. Edmund Stoiber - Herr Bundespräsident Johannes Rau das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen. Diese hohe und verdiente Auszeichnung darf ich Ihnen heute überreichen. Ich freue mich mit Ihnen und gratuliere Ihnen sehr herzlich.